So wunderbar waren wir! Warum gehst du jetzt auf einmal?
Aus der Sicht eines geschiedenen Mannes lässt er die Gefühle raus. Wie kann es sein? Sie waren doch so wunderbar. Er war mies, aber sie war wunderbar.
Dabei sind die Gefühle von Wut, Selbstzweifel und Enttäuschung ein zentrales Empfinden bei der Aufarbeitung von Liebeskummer.
- Darum geht es in dem Song Formidable
- Das Musikvideo von Formidable
- Die Deutung von Formidable
- Übertragung in die Realität (Trigger: Suizid)
- Ursachen von Suchterkrankungen
- Mein Fazit zu dem Ganzen ist
Darum geht es in dem Song Formidable
In seinem Refrain wiederholt er immer wieder wie wunderbar sie waren, wie wunderbar sie war und wie erbärmlich er war.
In der ersten Strophe spricht das lyrische Ich eine unbekannte Frau an und versichert ihr, dass er nichts von ihr wollte, da er gerade seit gestern erst getrennt sei. Als er erwähnte, er könnte kein Baby bekommen, unterbrach er seine Rede und forderte die Dame auf, 5 Minuten stehen zu bleiben. Er weist daraufhin, dass er höflich, respektvoll und ein bisschen betrunken sei. Suggestiv stellt er der fremden Frau die Frage, ob sie mit so einem Typen wie ihn reden wollte.
Die zweite Strophe adressiert er an einen verheirateten Mann. Das lyrische Ich signalisiert Neid. Der verheiratete Mann mit Ring sei nicht der Größte, wie er vielleicht dachte. Der Ring sei bedeutungslos, er würde sowieso verlassen werden, sowie es Frauen immer tun würden. Doch dann nimmt das Ganze eine weitere Fahrt auf. Das lyrische Ich spricht von einer zweiten Frau des Mannes und er würde es seiner Frau erzählen, um die ganze Sache schneller ein Ende zu setzen. Und seinem Kind würde er es auch erzählen, wenn er eins hätte.
In der letzten Strophe spricht er ein Kind an, das er zunächst verwechselt vom Mädchen zum Jungen. Er betonte, es gäbe keine Guten und Bösen. Wenn Mama nerve, dann nur aus Angst vor frühem Omawerden und Papas betrügen, wenn ihre Mamas alt werden. Das lyrische Ich erkennt, wie das Kind plötzlich rot werden würde und anschließend fordert das lyrische Ich die Menschen auf, ihn nicht so anzustarren wie Affen und bezeichnet sie als Affenbande.
Das Musikvideo von Formidable
In dem Musikvideo von Formidable des Interpreten Stromae torkelt der Sänger durch die S-Bahn-Station in Brüssel mit Kopfhörern in den Ohren und ruft „Formidable“. Gedreht wurde dies am 21. Mai 2013 um 8:30 Uhr, ein Dienstagmorgen mitten im Berufsverkehr des Rond Point Louise in Brüssel, wo viele Leute umsteigen und auf ihre Bahn warten.
Zu Beginn des Videos kommt Stromae aus einer U-Bahn-Station und läuft quer über die Straße trotz fahrender Autos. Draußen regnet es. Zunächst steht der Sänger mitten an der Haltestelle der S-Bahn und singt sein Refrain von Formidable. Spricht eine fremde Frau an, aber die Frau ignoriert ihn und klammert sich an ihrem Regenschirm.
Im nächsten Abschnitt des Videos sitzt Stromae an den Schienen der S-Bahn auf der Fußwegkante mitten im Regen und legt sich halb hin, dabei Kopf noch gerade so hochgerichtet. Als eine S-Bahn zugerollt kam, kommt eine andere Dame mit schwarzen hohen Schuhen und zieht ihn davon weg. Danach torkelt Stromae weiter an der Station herum.
Auf der anderen Seite der U-Bahn-Station stehen mehrere Passanten auf einem Fleck und Stromae richtet sich an sie und ruft den Refrain „Formidable“. Die Reaktionen der Passanten sind unterschiedlich. Zwei Frauen und ein Mann links daneben richten eine Kamera auf ihn und grinsen dabei (vermutlich haben sie den Sänger erkannt). Eine andere Frau, die steht und einen pinken Schal trägt, sieht sich verlegen umher. Der Mann im blauen Oberteil und einer schwarzen Jacke genauso.
Nachdem sich Stromae von den Passanten wieder wegbewegt und sich wieder der offenen Fußgängerzone widmet, begegnen ihn drei belgische Polizisten und sprechen ihn auf sein Namen Stromae an. Sie fragen ihn, ob er sich müde fühlen würde, was Stromae mit „Ja, genau“ antwortet. Ein Polizist erzählt ihn, dass er ein großer Fan von ihm sei und möchte, dass er das weiß. Daraufhin bedankt sich Stromae dafür. Als nächstes fragt ihn ein Polizist, ob er eine harte Nacht gehabt hätte und Stromae entgegnet darauf „Ja, kann man so sagen.“ Bei der Frage, ob Stromae betrunken sei, gab er das zu „Ein bisschen, ja“. Sie fragen ihn, ob er möchte, dass sie ihn nach Hause fahren, aber das lehnt er dankend ab. Sie wünschen ihm, sich wieder besser zu fühlen und auf sich aufzupassen, bevor sie wieder gegangen sind.
Danach ruft er zu einer Frau mit beigem Mantel „Hey petite“, woraufhin die Dame wieder wegeilte. Weiter torkelt Stromae durch die S-Bahnstation und ruft „Formidable“.
Am Ende des Musikvideos verlässt er die Haltestelle, grinst in die Kamera, springt freudig in die Lüfte und lässt dabei die Versen zusammentreffen. Damit war das Video vorbei.
Bei dem Amateurvideo handelt es sich laut vrt-News um echte Reaktionen der Passanten. Das Betrunkensein wurde allerdings nur gespielt.
Die Deutung von Formidable
Der Song Formidable behandelt den Liebeskummerschmerz eines von einer Frau verlassenen Mannes. Dabei läuft er durch die Straßenbahnhaltestelle und spricht random Passanten betrunken, kontroll- und orientierungslos an. Er erzählt sowas wie, dass Ehen für ihn bedeutungslos seien, denn Frauen verlassen sie eh.
In dem Musikvideo begibt sich Stromae in die Position des lyrischen Ich’s und schauspielert genau diesen betrunkenen, verletzlichen Mann und mit einer Perspektive von Oben werden die echten Reaktionen der ahnungslosen Passanten gefilmt. Die Menschen glauben das, lachen über ihn oder ignorieren ihn und versuchen dies nicht nah an sich ran zu lassen. Es gibt nur wenige Menschen, die ihn versuchen zu helfen. Darunter zum Beispiel eine Frau, die ihn vom Gleis zieht, als eine S-Bahn zugerollt kam oder Polizisten, die ihn fragen, ob sie ihn nach Hause bringen sollen oder er alleine klarkäme.
Er beweist durch dieses soziale Experiment fehlende Empathie in der Gesellschaft, wie unangenehm echte Verletzlichkeit für andere ist.
Im nächsten Abschnitt geht es um Suizid und Gewalt, daher möchte ich vor Trigger warnen.
Übertragung in die Realität (Trigger: Suizid)
2024 nahmen sich 10 372 Menschen in Deutschland sich das Leben, damit stieg die Suizidrate um 0,7 % zum Vorjahr, laut den Statistiken von Destatis. Davon sind 71,5 % Männer betroffen und 28,5 % Frauen.
Laut Ärzteblatt sind 69 % der Menschen in psychotherapeutischer Behandlung Frauen und 31 % Männer.
Die meisten Männer befinden sich in therapeutischer Behandlung wegen Suchterkrankungen, während Frauen häufiger wegen Essstörungen, Depressionen und Panikstörungen in Therapie gehen, so berichtet der Verlag Springer Medizin.
Sind Suchterkrankungen etwa Folgeerkrankungen von psychischen Störungen wie Depression, Essstörung und Panikattacken? Könnten diese Statistiken ein Hinweis darauf sein, dass Männer leider oftmals auch zu spät sich in therapeutischer Behandlung begeben?
Ursachen von Suchterkrankungen
Der Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP) Michael Klein bestätigt in seinem Blog „Sucht bei Männern - zentrale Ursachen, geschlechtssensible Hilfen und mehr Prävention“, dass zu den Ursachen von Suchterkrankungen mitunter Depressionen und Selbstwertprobleme zählen. Dreiviertel aller an Alkoholkonsum sterbenden Menschen, sind Männer, die sich das Leben nehmen. Viele von den Menschen, die sich das Leben nahmen, waren Männer mit Alkoholabhängigkeit oder die andere Suchtprobleme hatten.
Der Herr Klein stellt in seinem Beitrag (s. o. "Sucht bei Männern") die verschiedenen Lösungsstrategien auf. Zum Einen ist es das Schaffen von Interessensverbänden für Hilfen in Familien, Schule, Gesellschaft und Medien für Jungen. Zum Anderen ist es das Modernisieren von klassischen Rollenmustern, damit Jungen später die Chancen haben als starke und emphatische Väter heranzuwachsen. Dazu gehört die Vermittlung von Stärke, Gelassenheit, Souveranität, Autonomie- und Bindungsfähigkeit sowie Mitgefühl und Emotionsregulation.
„Das männliche Rollenmodell im 21. Jahrhundert, das auch vor Sucht schützen kann, muss eine Synthese aus Empathie, Fürsorge, persönlicher Stärke und Selbstbewusstsein darstellen.“ - Michael Klein
Auch im Spiegel-Interview sagt der Psychologe Frank Dammasch, dass dieses noch immer in der Gesellschaft etablierte klassische Männlichkeitsverständnis der häufigste Grund dafür ist, dass Männer sich erst Hilfe holen, wenn es schon fast zu spät ist und an ernsthafte Suchterkrankungen wie Alkohl- oder Drogenabhängigkeit leiden. Nicht nur die Rollenmuster sind das Problem, auch das sehr geringe Angebot von männlichen Therapeuten von 20 % sowie die Konzepte, die meistens darauf ausgegelegt sind, dass Menschen sich gut artikulieren können müssen und die Voraussetzungen brauchen, sich selber verstehen zu wollen.
Dammasch entwickelte für das mangelnde Therapieangebot von Männern eine "Walk-In-Sprechstunde", wo alle bis 21 Jahre alte Patienten ohne Voranmeldung in eine Sprechstunde gehen können.
Dammasch riet im Spiegel-Interview den Angehörigen, dass schweigende, zurückgezogene Männer erstmal aus ihrer Isolation rausgeholt werden und "aufgeschlossen" werden müssen. Männliche Bezugspersonen wie Freunde oder Väter können dafür hilfreich sein.
„Um zu einer Therapie zu gehen, muss der Leidensdruck groß genug sein. Und derjenige muss bereit sein, die Schuld für sein Leidensgefühl nicht nur außen, sondern auch bei sich zu suchen." - Frank Dammasch, Spiegel-Interview.
Mein Fazit zu dem Ganzen ist,
dass Stromae versucht, in seinem Song Formidable auf ein sehr wichtiges, gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen und die Gesellschaft wachrütteln. Nämlich der Umgang mit hilfsbedürftigen, verletzlichen Männern bzw. Menschen allgemein. Unscheinbares macht Stromae durch sein Musikvideo und mit seinem Song sichtbar. Ein Song, der gleichzeitig zum Tanzen und auch Nachdenken anregt. Theoretisch, könnte man diesen Appell auch sowie die Passanten aus dem Musikvideo ignorieren und bloß zu der Musik tanzen anstatt dem Interpreten zuzuhören, was er zu sagen hat. Eine Menge Spielraum für Interpretation, was den Song so genial macht.
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